Im September 2025 nahm ich zum zweiten Mal in Homburg am „Cross against Cancer“ teil. Beim Walken durch den Wald kam ich immer wieder mit einer Frau ins Gespräch, die mir sofort vertraut war. Es fühlte sich an, als würden wir uns schon viel länger kennen, als hätte uns das Leben genau in diesem Moment zusammengeführt. Wir tauschten Telefonnummern aus. Persönlich begegnet sind wir uns seitdem nicht mehr, und doch sind wir in engem Kontakt – über viele Wege. Dieser Kontakt ist liebevoll, stärkend und verständnisvoll.

Vor einiger Zeit schrieb ich ihr, was mich gerade bewegt. Ich habe ein Magenkarzinom, und bald wird mir der Magen entfernt. Diese Worte klingen klar und beinahe sachlich, doch sie tragen eine lange Geschichte in sich. Einen Weg voller Fragen, Angst, Annahme und innerer Arbeit. Und auch bis zur Operation liegt noch vieles vor mir – mental und seelisch. 

Was mich wirklich umtrieb, war etwas anderes: der Wunsch nach einem Ritual. Einem Moment, um mich von meinem Magen zu verabschieden, um loszulassen, was gehen muss. Vielleicht, dachte ich, finde ich diesen Abschied an der Nordsee – bei einem kleinen Kurzurlaub, nach dem ich mich sehr sehnte. Wind, Weite, Meer. Raum zum Atmen.

Ein paar Tage später fragte sie mich, ob sie mir eine Geschichte schicken dürfe. Meine Antwort war ein einfaches, offenes Ja. Und dann kam sie – ihre Geschichte. Und in ihr lag etwas, das ich nicht erwartet hatte: meine eigene Antwort. Meine Verabschiedung. Worte, die mich tief berührten. Eine Geschichte, die von mir erzählt.

So oft versuchen wir, alles mit dem Kopf zu verstehen, zu erklären, zu kontrollieren. Doch dort gibt es nichts zu begreifen. Wahres Verstehen geschieht nicht im Denken, sondern im Fühlen. Im Herzen. Es bedeutet, still zu werden, hinzuhören und sich selbst mit Liebe und Achtsamkeit zu begegnen.

Jetzt bist du eingeladen, diese Geschichte selbst zu lesen.

Der Magen, der seine Arbeit erfüllt hatte

Es war einmal ein kleiner Hüter in einem Menschen, der Magen genannt wurde.

Jeden Tag nahm er entgegen, was das Leben brachte: warmes Brot, süße Erdbeeren, bittere Medizin, festliche Mahlzeiten und hastig verschlungene Bissen. Er kannte den Geschmack von Freude und von Kummer. Manchmal musste er sogar Tränen mitverdauen, wenn das Herz zu schwer war.

Viele Jahre arbeitete er treu. Nie fragte er nach Dank. Er tat einfach, was er konnte.

Eines Tages wurde der Hüter müde. Tief in ihm war etwas gewachsen, das nicht zu ihm gehörte. Die Menschen mit den weißen Kitteln sahen es und beschlossen, dass der Hüter gehen müsse, damit der Mensch weiterleben könne.

Der Magen erschrak nicht.

Er lauschte dem Herzschlag seines Menschen und sagte leise:

„Ich habe dich getragen, solange ich konnte. Nun ist es Zeit, dass andere Teile deines Körpers neue Wege lernen. Du wirst anders essen, anders fühlen, vielleicht manches vermissen. Aber du wirst nicht weniger du sein.“

Das Herz fragte traurig:
„Wie soll ich mich von dir verabschieden?“

Der Magen lächelte.

„Nicht mit Trauer allein. Erinnere dich an all die Mahlzeiten, die wir gemeinsam erlebt haben. An Geburtstage. An den Duft von frischem Kaffee. An Suppen, die Trost gespendet haben. An jedes Fest und jeden ganz normalen Tag. All das bleibt Teil deiner Geschichte. Ich nehme nichts davon mit.“

Am Morgen der Operation flüsterte der Mensch noch einmal:

„Danke, dass du so lange für mich gearbeitet hast.“

Und der Magen antwortete:

„Danke, dass ich dein Magen sein durfte. Nun darfst du weiterleben. Vielleicht langsamer. Vielleicht achtsamer. Aber voller Möglichkeiten. Vertraue deinem Körper – er ist klug. Er wird neue Wege finden.“

Als der Hüter schließlich ging, war da kein Ende.

Nur ein leises Weitergeben der Aufgabe.

Der Darm trat einen kleinen Schritt nach vorn.
Das Herz schlug ruhig weiter.
Die Lungen füllten sich mit Luft.

Und das Leben sagte:
„Wir machen weiter. Anders als bisher. Aber wir machen weiter.“

Von diesem Tag an trug der Mensch den Magen nicht mehr in seinem Körper, sondern in seiner Erinnerung – mit Dankbarkeit statt mit Angst.

Denn manches verlässt uns nicht, wenn es geht.

Es bleibt als Liebe, als Erfahrung und als stille Kraft, die uns daran erinnert, wie viel unser Körper jeden einzelnen Tag für uns getan hat.

Und jedes Mal, wenn der Mensch eine kleine Mahlzeit mit Ruhe und Sorgfalt zu sich nahm, war es, als würde irgendwo ein vertrauter Freund lächeln und sagen:

„Du schaffst das. Ich habe meinen Teil getan. Jetzt beginnt dein nächstes Kapitel.“ 

Von ganzem Herzen danke ich dir, liebe Sandra – instagram.com/safeh_5519