Die letzten drei Tage verbrachte ich erneut im Krankenhaus, aufgrund von Eingriffen am Zwölffingerdarm und Darm. Nun bin ich wieder zu Hause, liege im Bett, habe eine Tasse warmen Tee, Meditationsmusik, meine Sternenlichterkette und eine Kerze an. Das Wetter draußen passt perfekt dazu: grau und leichter Regen. Worüber ich schreiben möchte, weiß ich noch nicht genau – ich weiß nur, dass ich schreiben will. Etwas in mir drängt nach Ausdruck und möchte gehört werden.
Wie viel ich schreibe, steht noch nicht fest; vielleicht in mehreren Etappen. Ich bin noch sehr müde und erschöpft, und jede Bewegung verursacht Schmerzen.
Ich leide an einer Erbkrankheit, der familiären adenomatösen Polyposis (FAP), die ich von meiner Mutter geerbt habe. Meine Mutter wiederum hatte diese Erkrankung von ihrem Vater vererbt bekommen.
In den letzten Tagen sehe ich vieles anders und setze mich intensiv mit Heilung und Akzeptanz der FAP auseinander. Ein typischer Verlauf führt häufig zu Dickdarmkrebs, weshalb mir 1998 der Dickdarm entfernt wurde. Typisch sind auch Polypen im Zwölffingerdarm – insbesondere an schwer zugänglichen Stellen, wie bei mir. Diesen Polypen habe ich seit Jahren; wie lange genau, weiß ich nicht mehr. Im Jahr 2023 ist er jedoch deutlich gewachsen.
Ich bin nun bei einem neuen Arzt in Behandlung, bei dem auch meine Mutter lange war. Er hat kleine Wunder bewirkt: Er konnte vieles von dem großen Polypen abtragen und veröden, aber vollständig entfernen lässt sich der Polyp nicht. Da er entarten kann, wird er regelmäßig kontrolliert – schulmedizinisch gibt es derzeit keine weiteren Behandlungsmöglichkeiten außer Beobachtung und eine der schwierigsten Operationen.
Am Montagmorgen fuhr ich mit dem Wunsch los, zu hören: „Alles ist in Ordnung, der Polyp ist weg und die Geschwüre im Darm sind abgeheilt.“ Die Geschwüre sind zwar noch vorhanden, haben sich aber nicht verschlechtert.
Parallel habe ich eine alternative Behandlungsmethode ausprobiert, an die ich fest glaube. Wahrscheinlich müsste ich diese über einen längeren Zeitraum anwenden, doch meine Kräfte reichen derzeit nicht aus. Dieses Thema beschäftigt mich nun schon seit sechs Wochen intensiv – irgendwann ist es genug. Genug von dem ständigen „Ich muss“… Zusätzlich leide ich an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit und alles Gemüse, das ich esse, muss ich schälen, da ich die Schale nicht vertrage – und so setzt sich die Einschränkung fort. Anfang Oktober erreichte ich einen Punkt, an dem ich dachte: Wenn jetzt noch jemand zu mir sagt, was ich tun muss, verliere ich den Verstand. Deshalb habe ich kaum noch Sport gemacht und mich stattdessen auf Spaziergänge beschränkt – komplett losgelöst vom „Ich muss“. Offenbar brauchte ich genau diese Pause, um weiter zu mir selbst zu finden. Nun kann ich in aller Ruhe mit den anstehenden Aufgaben weitermachen.
Wie es weitergeht mit den Geschwüren? Das weiß ich noch nicht genau. Ich weiß nur: Ich möchte aktiv bleiben. Wenn ich in mich hineinhöre, höre ich eine Stimme sagen: Vertraue, den Anfang hast du gemacht – mach weiter. Heilung braucht Zeit.
Doch sofort stellt sich die nächste Frage: Kann ich wirklich vertrauen?
Vertrauen ist ein großes Thema für mich – es begleitet mich seit Jahren und ist in den letzten Wochen besonders präsent geworden.
Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich: Was bedeutet Vertrauen für mich wirklich? Und was heißt Annahme? Ich spreche oft davon, doch was bedeuten diese Begriffe konkret für mich – und wie gehe ich damit um? Wie verändert sich mein Verhalten, wenn ich vertraue und annehme?
Ich kann nur sagen, dass jede Untersuchung und jede Kontrolle mich an neue Erkenntnisse bringt und mich immer tiefer dazu zwingt, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Am Ende kann niemand außer mir entscheiden, was ich möchte, was ich empfinde und was für mich richtig ist. Nur ich trage die Verantwortung dafür. Wie leicht geben wir diese Verantwortung ab und vergessen dabei, in der Stille auf uns selbst zu hören. Das mag ein unbequemer Weg sein, doch er ist derjenige, der Zufriedenheit und Glück schenkt. Vor allem bedeutet er Unabhängigkeit – ein Wert, der mir sehr wichtig ist.
Vor einigen Jahren habe ich alles rund um die FAP von mir gewiesen; ich wollte nichts davon hören. Viele Aussagen von Ärzten und Therapeuten habe ich nicht angenommen und dachte immer wieder: „Das wird schon.“ Nun lebe ich seit 27 Jahren mit dieser Krankheit – doch erst jetzt wird mir bewusst, dass es immer „fünf vor zwölf“ ist. Vielleicht war es gut, dass ich es damals nicht so wahrgenommen habe – ich bin weggelaufen, habe mich in ein „Ich muss“ geflüchtet und versucht, nichts zu spüren. Ich wollte anders sein als meine Mutter, beruflichen Erfolg haben und mich nicht von der Krankheit bestimmen lassen. Doch letztlich habe ich genau das getan: Ich bin äußerlich herumgerannt und habe versucht, die Realität zu verdrängen. Innerlich war ich jedoch nie woanders. Diese Tatsache braucht Zeit zur Annahme und zum Verstehen.
Heute Morgen fragte ich mich: Wo ist das Problem daran, all das anzunehmen? Eine Antwort habe ich noch nicht gefunden; es fühlt sich schwer an und macht mir Angst. Nach allem, was ich erlebt habe, bin ich überzeugt: Es gibt nur einen Weg – die Annahme. Gleichzeitig verstehe ich gerade, dass Annahme nicht einfach so geschieht, weil man meint, jetzt nehme ich mal die Situation an. Es ist ein Prozess – einer, der vermutlich ein Leben lang andauert.
Annahme bedeutet, sich dem Leben hinzugeben, seiner Intuition zu vertrauen und den inneren Widerstand sowie das ständige Gedankenkarussell loszulassen. Häufig habe ich erlebt, dass ich mein Wunschziel erreiche – jedoch oft auf einem anderen Weg, als ich es mir ursprünglich vorgestellt oder gewünscht hatte. Oft nehmen wir gar nicht wahr, wo wir tatsächlich angekommen sind und was wir bereits erreicht haben. Stattdessen richten wir unseren Blick ausschließlich auf das große Ziel und übersehen die vielen kleinen Schritte auf dem Weg dorthin. Wenn ich das so reflektiere, merke ich, dass ich oft nicht wohlwollend mit mir selbst umgehe. Dabei wäre es doch viel wertvoller, dankbar für den jetzigen Standpunkt zu sein, anstatt ständig darauf zu fokussieren, was mir fehlt oder was andere besitzen. Solche Gedanken sind zwar menschlich und normal, doch der Mensch hat die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen.
Für mich bedeutet Annahme Folgendes: Ich kann das Leben nicht kontrollieren, es verläuft so, wie es in einem großen Buch geschrieben steht – und genau so steht es dort. Wie eine Freundin immer sagt: „Es ist schon alles geschrieben.“ Vielleicht runzelt jetzt der eine oder andere die Stirn und fragt sich, wie ich so etwas behaupten kann. Doch jedes Mal, wenn ich diese Einsicht akzeptiere, fühle ich mich besser. Ich finde Ruhe und Kraft, mein Leben wieder aktiv und mit einem Lächeln anzugehen. Und vieles ordnet sich von alleine….
Oft betrachte ich mein Umfeld und frage mich: Möchte ich das Schicksal anderer Menschen übernehmen? Wenn ich beobachte, was in meinem Freundeskreis geschieht, wird mir bewusst, dass es nicht unbedingt einfacher oder schöner ist – geht es diesen Menschen wirklich besser? Schnell erkenne ich: Es bringt nichts, mich zu vergleichen. Jeder Mensch hat seine eigene Aufgabe im Leben, die nur er mit seinen individuellen Fähigkeiten erfüllen kann.
Es tut mir gut, diese Gedanken niederzuschreiben – fast so, als würde ich mir selbst Mut machen. Vielleicht ist dieser Text auch für andere hilfreich, die ins Zweifeln geraten. Für mich hängt Annahme eng mit Vergebung zusammen. Ein Wort, das oft unterschiedlich interpretiert wird. Für mich beginnt Vergebung bei mir selbst: Ich darf mir vergeben und dann kommen die anderen.
Vergeben bedeutet für mich nicht, dass das Geschehene in Ordnung war, sondern dass ich es nicht mehr ändern kann und stattdessen eine neue, positive Energie in die Situation einbringe.
Genau an diesem Punkt stehe ich gerade. Ich habe erkannt und bin überzeugt davon, dass mein bisheriger Weg wichtig für mich war und mir geholfen hat zu überleben. In mir gibt es eine tiefe Verletzung, über die ich bislang nie gesprochen habe und auch hier nicht sprechen werde. Dennoch hat diese Verletzung mein Selbstvertrauen und meinen Selbstwert geprägt.
Es war gut so, wie es war. Ich bin noch hier und werde in wenigen Tagen wieder so kraftvoll sein, dass ich gerne wieder lächle und an meinen Ideen und Projekten weiterarbeiten kann, in Sport gehen kann und meinen Mann etwas ärgern kann 😉
Ich höre für heute mit dem Schreiben auf. Es gibt noch viele Gedanken zu allem, doch ich bin jetzt müde und werde erst einmal ausruhen.
Familiäre adenomatöse Polypose: »Abk. FAP; vererbbare Erkrankung des Dickdarms, bei der sich Hunderte von Polypen (Schleimhautausstülpungen, Schleimhautwucherungen) bilden, die unbehandelt zu Krebs entarten« (Quelle: Lexikon des www.krebsinformationsdienst.de/)
