Lange habe ich nichts geschrieben. Ich habe mich zurückgezogen, war still und musste mich erst einmal selbst mit der neuen Situation arrangieren.

Wie einige von euch vielleicht schon gelesen haben, wurde bei mir ein Magenkarzinom diagnostiziert. Im Juli wurde mir daraufhin der Magen entfernt.

Und plötzlich war wieder alles anders. Nun darf erst lernen, wie Leben für mich überhaupt wieder aussehen kann.

Weglaufen kostet Kraft

Ich habe lange versucht, verschiedene Strategien zu finden, um mit meiner Erkrankung umzugehen, ich wollte es alles anders machen als meine Mama. Ich wollte einfach nicht hinschauen. Nicht schon wieder Krankenhaus. Nicht noch eine Diagnose, nicht noch eine Herausforderung, nicht schon wieder mein Leben neu sortieren müssen.

Bei meiner Diagnose FAP – familiäre adenomatöse Polyposis – ist das vielleicht verständlich. Es ist eine Erbkrankheit, die mich schon lange begleitet. Ein Leben, in dem ich oft das Gefühl habe, ständig fünf vor zwölf zu sein. Immer Achtsam sein zu müssen. Immer damit rechnen zu müssen, dass an irgendeiner Stelle ein neuer Ausbruch der FAP ist.

Das kostet Kraft. Unendlich viel Vertrauen und Mut und Tapferkeit.

Und irgendwann habe ich verstanden: Die Kraft, die ich zum Weglaufen brauche, fehlt mir an anderer Stelle. Dort, wo mein Körper sie dringend benötigt. Dort, wo ich sie brauche, um bei mir zu bleiben und in der Achtsamkeit zu sein.

Ich kann meiner Erkrankung nicht davonlaufen, sie gehört zu mir, ich kann meinen Körper nicht tauschen. Ich kann nicht so tun, als wäre sie nicht da.

Ich habe die Aufgabe zu lernen, den Dingen ins Gesicht zu schauen. Auch wenn ich Angst habe. Auch wenn ich manchmal am liebsten aufgeben würde. Und das ist nicht nur zum Thema Krankheit der Fall, das ist in allen Lebenssituationen der Fall.

Langsam beginne ich zu verstehen, dass ich viel mehr Mut und Tapferkeit in mir trage, als ich mir selbst oft zugetraut habe.

Natürlich gibt es Tage, an denen ich den Kopf in den Sand stecken möchte. Tage, an denen mir alles zu viel ist und ich einfach nicht mehr kämpfen will.

Und wisst ihr was? Ich glaube, auch das darf sein.

Wir müssen nicht jeden Tag stark sein. Wir dürfen weinen, zweifeln, wütend sein und erschöpft aufgeben wollen. Wir dürfen uns zurückziehen und eine Pause machen. Nur dürfen wir nicht darin bleiben, irgendwann ist es wichtig wieder aufzutauchen. Den Kopf heben und weiterzugehen.

Denn ich möchte mein Leben nicht nur mit dem Überstehen von Erkrankungen verbringen. Ich möchte es leben – auch mit „ohne Magen und ohne Dickdarm“!

Wenn wir erkennen, was wir unbewusst übernommen haben

Ein Thema beschäftigt mich in letzter Zeit besonders: die familiären Muster, die mit meiner Erkrankung eng verbunden sind. FAP ist eine Erbkrankheit. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass nicht nur die Erkrankung selbst innerhalb einer Familie weitergegeben wird. Auch der Umgang mit ihr, bestimmte Verhaltensweisen und tief verankerte Muster können uns prägen und werden unbewusst übernommen..

Ich bemerke immer deutlicher, wie viele Verhaltensmuster ich von meiner Mutter übernommen habe. Wie ich manchmal reagiere, wie ich mit schwierigen Situationen umgehe und wie ich versuche, mit dem Leben zurechtzukommen. Was war ich wütend auf sie an manchen Tagen. Langsam verstehe ich ihre Not und Verzweiflung. Diese Erkenntnis tut weh. Richtig weh.

Bevor ich diese Zeilen schreiben konnte, habe ich lange geweint. Weil Hinschauen bedeutet, Dinge zu erkennen, die man vielleicht lieber nicht sehen möchte. Weil es schmerzt, sich selbst in diesen Familien-Mustern wiederzufinden. Und weil ich begreife, dass manches, was ich lange für selbstverständlich gehalten habe, vielleicht gar nicht zu mir gehören muss.

Ich darf erkennen, was mich geprägt hat, ohne es für immer weiterführen zu müssen. Ich darf nun mit der Krankheit in ein anderes Bewusstsein gehen. Das ist ein Prozess. Einer, der Zeit braucht. Und einer, bei dem ich lernen darf, liebevoller mit mir selbst zu sein. Und ich darf sehen, was ich alles habe, welch Netzwerk von Familie und Freunden, die mich auffangen und auch meine eigenen Ressourcen.

Was mir dabei hilft? Das Schreiben. Meine Meditationen. Spaziergänge, bei denen ich einfach nur draußen bin und meine Gedanken kommen und gehen lassen kann. Es ist genau diese Stille, in der sich etwas lösen darf. Und natürlich mein „Loslassen-Säckchen„

Mein Loslass-Säckchen – ein kleiner Anker in schwierigen Zeiten

Vielleicht erinnert ihr euch: Im Frühjahr kam mir die Idee, ein Säckchen für meine Ängste zu gestalten. Erst nannte ich es Angstsäckchen. Doch das Wort fühlte sich für mich zu schwer an. Zu dunkel. Zu bedrohlich.

Also wurde daraus mein Loslass-Säckchen.

Denn ich möchte den Ängsten nicht noch mehr Raum geben, indem ich sie ständig festhalte. Ich möchte lernen, sie anzusehen, sie ernst zu nehmen und sie dann auch loszulassen.

In den vergangenen Monaten habe ich zwei Dinge für mich erkannt: Klappe dein Visier hoch und stelle dich dem, was da ist. Und sei ehrlich zu dir selbst.

Das klingt vielleicht einfach. Ist es aber nicht.

Meine Ängste fühlen sich manchmal schwarz und bedrohlich an. Wie etwas, das über mir schwebt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl.

Wenn ich merke, dass mich ein Thema nicht loslässt, schreibe ich meine Gedanken und Ängste auf einen Zettel und lege ihn in mein Loslass-Säckchen. Anschließend nehme ich mir Zeit für eine Meditation. Ich stelle mir vor, wie ich die Anspannung loslasse, wie mein Körper wieder leichter wird und ich mich Schritt für Schritt von den Belastungen befreie, die ich so lange mit mir herumgetragen habe.

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das Thema für mich abschließen kann, verbrenne ich den Zettel bewusst und sicher als Zeichen des Loslassens.

Es hilft mir, innezuhalten, meine Gefühle wahrzunehmen und wieder ein Stück zu mir zurückzufinden. 

Ich spüre, dass ich dadurch immer wieder neue Kraft finde – körperlich, seelisch und mental.

Wenn selbst das Essen zur Herausforderung wird

Nach meiner Magenentfernung bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Plötzlich war da diese neue Realität: Ich muss essen. In kleinen Portionen. So viele Kalorien wie möglich. Mein Körper braucht Nahrung, um sich zu erholen, und ich muss herausfinden, wie ich ihn dabei unterstützen kann.

Was für andere selbstverständlich klingt, ist für mich zu einer täglichen Herausforderung geworden. Wie oft höre ich: „2.000 Kalorien? Das ist doch kein Problem!“ Doch. Für mich ist es manchmal ein riesiges Problem.

Es gibt Tage, an denen mein Körper scheinbar nichts mehr aufnehmen möchte. Tage, an denen ich gut essen kann und Hoffnung schöpfe. Und dann gibt es wieder Tage, an denen Durchfall meinen Alltag bestimmt und ich das Gefühl habe, mein Körper braucht einfach nur Ruhe.

Wenn man keine großen Reserven hat und das Gewicht immer weiter sinkt, bekommt das Ganze noch einmal eine andere Bedeutung. Das macht etwas mit einem. Mit den Gedanken, mit den Gefühlen, mit dem Vertrauen in den eigenen Körper. Und es beschäftigt mich bis heute. Zu dem ganzen kam eine Essstörung, die ich schon Jahre habe so richtig zum Vorschein. Ich darf wirklich das Thema Essen in allem neu lernen, es darf Spaß machen. 

Ich lerne gerade, dass ich nicht jeden Tag gleich funktionieren kann. Dass mein Körper seine eigene Geschwindigkeit hat. Und dass ich Geduld brauche – auch wenn ich sie manchmal kaum aufbringen kann.

Gleichzeitig möchte ich nicht, dass sich mein ganzes Leben nur noch ums Essen dreht. Ich möchte wieder mehr am Leben da draußen teilnehmen. Ich möchte mich mit anderen Dingen beschäftigen, lachen, lesen, spazieren gehen und Momente erleben, in denen meine Erkrankung einmal nicht im Mittelpunkt steht.

Und tatsächlich gelingt mir das an manchen Tagen schon. Diese Momente fühlen sich wunderbar an. Sie schenken mir Leichtigkeit. Und sie erinnern mich daran, dass ich mehr bin. Nicht nur eine Frau mit einer Diagnose und einem Körper, der gerade so viel zu bewältigen hat. Ich bin auch einfach ich. Mit meinen Wünschen, meinen Gedanken, meinen Träumen und meinem Leben.

Ich muss nicht jeden Tag kämpfen

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nie gedacht, dass ich Mitte Oktober hier sitzen würde, während andere vielleicht im Fitnessstudio trainieren, walken gehen oder arbeiten oder in Urlaub sind. Normalerweise wäre ich vermutlich draußen unterwegs, immer in Bewegung, immer mit irgendetwas beschäftigt.

Nun ich sitze hier. Ich ruhe mich aus. Ich lese, meditiere und beschäftige mich mit mir selbst. Mit meinen Bedürfnissen. Mit meinen Ängsten. Mit den Dingen, die ich vielleicht viel zu lange beiseitegeschoben habe.

Das ist ungewohnt. Manchmal schwer auszuhalten. Und manchmal macht es mir Angst, weil ich nicht weiß, wann ich wieder mehr von meinem alten Alltag zurückbekomme.

Ich wünsche mir herausfinden, wie mein Leben heute aussehen kann. Mit allem, was dazugehört. Mit den guten Tagen und den schlechten. Mit der Angst und der Hoffnung. Mit den Grenzen, die mein Körper mir gerade zeigt, und den Möglichkeiten, die trotzdem da sind. Ich möchte nicht resignieren. Ich möchte nicht wegschauen. Aber ich möchte auch aufhören, mich ständig selbst antreiben zu müssen.

Manchmal bedeutet weitermachen, sich auszuruhen. Manchmal bedeutet Mut, ehrlich zu sagen: Heute geht es nicht. Und manchmal ist es ein riesiger Schritt, sich selbst die Erlaubnis zu geben, einfach nur da zu sein.

Vielleicht beginnt ein neuer Weg genau dann, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Ich bin auf dem Weg zu meinem Gipfel, der Weg ist steinig und oft ein steiler schmaler Pfad. Ich freie mich, wenn ich oben angekommen bin. Ich freue mich über die neue Aussicht von da oben auf mein neues Leben.

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